Ein Platten am Morgen

Der Schock kam am nächsten Morgen, als wir zu früher Morgenstunde das Hotel verlassen wollten, und feststellen mussten, dass wir eingesperrt waren! Noch nicht einmal aus dem Fenster konnten wir springen, denn das war auch vergittert. Was passiert eigentlich mit den Gästen, wenn es nachts mal brennen sollte?!

Um sieben kam dann endlich einer, der uns befreite. Nur sehr weit kamen wir nicht – unser Auto hatte einen Platten! Wir mussten heute ja noch ein paar hundert Kilometer nach Santiago zurücklegen, um rechtzeitig unseren Koch zu treffen, der uns wieder zum Resort zurückbringen sollte. Und nun hatten wir schon eine Stunde vergeudet, weil das Hotel zu war. Nach dem Reifenwechsel zuckelten wir zur nächsten Tanke, um zu tanken und etwas Luft in den Ersatzreifen zu bekommen. Danach hatten wir noch 10 US$ und noch kein Frühstück, aber dafür hatten wir jetzt wirklich keine Zeit mehr.

Ein Platten am Mittag

Irgendwo, fernab von jeglicher Zivilisation, fing unser Auto plötzlich an zu klappern und zu holpern. Als wir an den Straßenrand ausrollten, sahen wir die Bescherung: Wir hatten erneut einen Platten! Da wir jetzt schon einige Übung hatten, war der Wagen schnell hochgebockt und der Reifen abgemacht, aber was nun? Wie aus dem Nichts kam ein altes Ehepaar und ein jüngerer Mann aus dem Dschungel. Sie waren in Sonntagsklamotten gekleidet, aber die Kleidung war schon sehr zerschlissen. Als sie den kaputten Ersatzreifen sahen, war schnell klar, dass wir einen Reifenflicker bräuchten.

Bevor ich noch einen dieser sinnlosen Traveller-Cheques ausstellen konnte, war Jürgen auch schon auf einem Sammeltaxi-Pickup mit dem jungen Mann und dem Reifen verschwunden. Vor Aufregung und Schrecken musste ich erst mal in den Dschungel flüchten, um einen abrupt einsetzenden Durchfall mit Magenkrämpfen loszuwerden. Erst jetzt fiel mir auf, dass in dem Palmenhain ein paar Hütten standen und das alte Ehepaar räumte extra für mich einen Schaukelstuhl auf die Veranda und der alte Mann holte mir eine Kokosnuss zum Frühstück. Sehr dankbar darüber verzog sich mich später in den Schatten einer Palme und dann wurde es schon fast peinlich: das Ehepaar zerrte eine Schaumstoffmatratze in den Schatten und eine Nachbarin kam, um mir mit Waffenöl den Bauch zu massieren. Da lag ich nun mit meiner Kokosnuss faul im Schatten, verwöhnt von rührend netten Leuten, als Jürgen von seinem Höllenritt schweißüberströmt zurück kam.

Las Terrenas - Strand mit Palme

Auf dem Pickup zum Reifenflicker

Der hilfsbereite junge Mann hatte ein Sammeltaxi angehalten, wo man auf der Ladefläche mitfahren konnte. Jürgen hatte seine Müh und Not, dass weder er noch der Reifen vom Pickup fielen. Ziel der beiden war ein Gomero in der 10 km entfernten Siedlung, der in einem Schuppen voll mit Reifen und Schlauchresten lebte. Fachmännisch wurde ein Fahrradschlauch in Streifen geschnitten und in das Loch auf der Lauffläche gestopft, am Ende noch die abstehenden Bürzel ein wenig zurecht geschnitten, fertig war die Reparatur.

Nachdem noch Luft in den Reifen gepumpt und die Dichtheit im nahe gelegenen Bach getestet wurde, entflammte ein Wortgefecht zwischen dem hilfsbereiten Mann und dem Reifenflicker, ob die Reparatur was taugt oder nicht. Fazit war, dass Jürgen ja wieder kommen könnte, wenn es nicht hält – sehr witzig. Im Sammeltaxi mussten sie sich von den Mitreisenden die gleiche Diskussion anhören. Die meisten waren der Meinung, dass wir damit nicht weit kommen würden, die Reparatur hatte ja auch nur ein paar Cent gekostet und so sah sie auch aus.

Da der junge Mann bisher alles ausgelegt hatte, erhielt er 5 US$ und war total happy darüber, wir hätten ihm gerne mehr für seine Hilfe gegeben, denn ohne ihn wären wir aufgeschmissen gewesen. Unsere restlichen 5 US$ drückte ich dem alten Ehepaar in die Hand. Das dankbare Leuchten in den Augen der beiden ist unvergesslich. Mit einem dicken Kloß im Hals verabschiedeten wir uns von diesen unglaublichen Menschen.

Übers Gebirge nach Santiago

An der nächsten Tanke pumpten wir noch etwas Luft nach und hofften, dass die seltsame Reparatur die nächsten 200 km halten würde. Da wir jetzt kein Geld mehr für Sprit oder Essen hatten und auch die Zeit uns davon lief, entschieden wir, eine Abkürzung übers Gebirge zu nehmen. Die Straße war wunderbar neu asphaltiert aber wenig befahren. Jedes Gomero-Schild am Straßenrand merkten wir uns mit dem Kilometerstand, man kann ja nie wissen.

Der Fahrspaß stoppte mit einer Vollbremsung, als die tolle Straße ohne Vorwarnung vor einem drei Meter tiefen Loch endete. Da wir schon fast 50 km zurückgelegt hatten, war an Umkehren nicht mehr zu denken und nach ein paar Kilometern hatten wir auch wieder unsere tolle Straße zurück. Nur leider war die Freude von kurzer Dauer. Den restlichen Weg übers Gebirge mussten wir auf einer von Schlaglöchern übersäten Schotterpiste zurücklegen und zu allem Überfluss braute sich auch noch ein Gewitter in den Bergen zusammen.

Unterwegs - Junge auf einem Esel

Last-Minute

Jürgen fuhr wie ein Henker und wir schafften es letztendlich einigermaßen pünktlich, die Autovermietung wieder zu finden und ihnen das schlammverdreckte Auto zurückzubringen. Erleichtert stiegen wir beim Koch ins Fahrzeug und waren froh, dass wir es doch noch geschafft hatten, denn am nächsten Morgen sollte unser Flieger zurück gehen.

Wir werden unseren Last-Minute-Urlaub in der Dominikanischen Republik bestimmt nicht mehr vergessen. Er wäre sicher ein Albtraum geworden, wenn wir in einem dieser Touristenbunker z.B. in Cabarete gelandet wären. So war es erst “nett”… und später wunderbar, sobald wir auf eigene Faust die wenig erschlossenen Gegenden erkundet hatten.

Wir haben die krassen Gegensätze zwischen Arm und Reich gesehen und die negativen Auswirkungen des Massentourismus erlebt. Spätestens der (zunächst ungeplante) Kontakt zur “normalen” Bevölkerung und der selbstverständlichen Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, mit der sie uns begegneten, hat uns klargemacht, wie wir zukünftig reisen werden. Pauschalurlaub wird es sicher nicht mehr sein!